Meine Arbeit verbindet Landwirtschaft, Wolle und Kleidung. Mich interessiert besonders, was aus regionalen Rohstoffen entstehen kann und welche Geschichten ein Kleidungsstück in sich tragen kann.
Besonderes Interesse habe ich an der Schafwolle als Natur- und Kulturgut und setze mich dafür ein, dass der Wolle wieder ein höherer Stellenwert in der Gesellschaft zugesprochen wird.
Meine Geschichte
Zwischen Schnee und Bergen
Ich bin in den südfranzösischen Alpen, in der Nähe von Grenoble, aufgewachsen. Schon als Kind spielte Sport eine große Rolle in meinem Leben: Skifahren im Winter, Rennradfahren im Sommer und Skilanglauf.
Die Bergketten Vercors, Chartreuse und Belledonne lagen vor unserer Haustür und boten ganz unterschiedliche Landschaften. Besonders erinnere ich mich an die Winter: Wenn morgens nach starkem Schneefall die Sonne herauskam, war die ganze Welt weiß und voller Licht.
Eine meiner schönsten Erinnerungen ist das Fahren auf der frisch präparierten Skipiste. Die feinen Linien der Pistenraupe fühlte man nicht nur unter den Skiern, sondern bis in die Beine. Schnee, Landschaft und Bewegung wurden zu einem einzigen Erlebnis.
Zeichnen, lesen und eigene Welten erfinden
Schon als Kind habe ich gerne gelesen und gezeichnet. An meinem kleinen Schreibtisch lagen Bücher und Comics – darunter auch Asterix und Obelix – und daneben meine eigenen Zeichnungen.
Ich erfand imaginäre Welten und zeichnete Pläne von Orten, die es eigentlich gar nicht gab. Mein Schreibtisch war aus einer alten Holztür entstanden, die auf zwei Tischböcken lag.
Vielleicht war das eine meiner ersten Formen von Gestaltung: Eine Welt im Kopf zu entwickeln und sie anschließend mit den Händen sichtbar zu machen.
Die Landschaft als Material
Das Haus meiner Kindheit lag im Dauphiné. Es war aus Lehm gebaut und am unteren Teil mit flachen Steinen, den sogenannten galets, versehen. Die Steine waren in einem Fischgrätmuster angeordnet.
Mich faszinierte schon damals die Oberfläche dieser Wände. Der Lehm blieb sichtbar, alterte, bekam Spuren und wurde gleichzeitig von der Umgebung geprägt.
Ich musste dabei oft an den Hummus meines Vaters denken: Seine feste, körnige Oberfläche erinnerte mich erstaunlich stark an die Struktur dieser Lehmwände. Auf meinen Fahrradtouren durch die Region entdeckte ich immer wieder solche Häuser – und musste dabei oft an Hummus denken.
Unterwegs durch Europa
Während meines zweiten Erasmus-Semesters in Wien begann eine Reise, die mich nachhaltig geprägt hat. Zwischen Wien und meinem dritten Erasmus-Semester, meiner Masterarbeit in Dänemark, besuchte ich verschiedene Höfe in Europa.
Von Wien reiste ich über Istanbul und entlang der Mittelmeerküste der Türkei, teilweise per Autostopp und Bus, weiter über Griechenland und Bulgarien bis nach Südfrankreich.
Ich lernte Menschen kennen, besuchte unterschiedliche Höfe und entdeckte sehr verschiedene Formen der Landwirtschaft. Vor allem aber erlebte ich, wie unterschiedlich Landschaften, Tiere und Menschen innerhalb Europas miteinander verbunden sein können.
Die erste Begegnung mit feiner Wolle
Auf diesem Bild bin ich mit einer Merino-Schafherde eines Freundes in der Hochprovence zu sehen. Er hatte die Schäferei seines Vaters übernommen, ließ die Wolle kämmen und verspinnen und verkaufte daraus gefertigte Pullover auf Märkten.
Die Wolle faszinierte mich. Gleichzeitig hatte ich damals besonders feine Merino-Unterwäsche entdeckt und zum ersten Mal erlebt, wie angenehm Wolle direkt auf der Haut sein kann.
Sie reguliert Wärme und Feuchtigkeit und fühlt sich beinahe wie eine zweite Haut an. Dabei entstand eine Idee: Könnte man solche Eigenschaften auch mit europäischer Wolle erreichen? Und welche Rolle spielt dabei nicht nur die Qualität der Wolle, sondern auch ihre Verarbeitung?
Eine andere Wolle, eine andere Landschaft
Später lernte ich die Pommersche Landschaft in Norddeutschland kennen. Auf dem Bild beobachte ich das Melken von Mutterschafen dieser Rasse.
Mich faszinierte das Vlies: eine feine Unterwolle und gleichzeitig gröbere Oberhaare. Darin sah ich eine besondere Anpassung an das norddeutsche Klima.
Für mich wurde die Pommersche Wolle damit zu einem Gegenstück zur feinen Merinowolle aus Südfrankreich. Zwei Regionen, zwei Klimazonen und zwei sehr unterschiedliche Wollstrukturen.
Ich wollte herausfinden, ob sich auch aus dieser grauen, regionalen Wolle feine und elegante Kleidung herstellen lässt – und wie entscheidend die Verarbeitung dabei sein kann.
Vom Vlies zum Kleidungsstück
Auf der Nordsee trage ich die erste fertige Jacke aus verarbeiteter Pommernwolle.
Mein ursprünglicher Gedanke war gewesen, aus dieser Wolle besonders feine Kleidung herzustellen. Am Ende wurde es kein T-Shirt, sondern eine Jacke – und genau das fühlte sich richtig an.
Die Jacke passt für mich zur Landschaft, zum Wetter und zur Stimmung Norddeutschlands. Ein Kleidungsstück aus einer Wolle, die aus dieser Region stammt und ihre eigene Geschichte mitbringt.
Ankommen im Norden
Auf diesem Bild läuft mein erstes Kind den Schafen auf dem Moor hinterher.
Hier bin ich angekommen: keine Berge mehr, sondern weite Landschaften, graue Schafe und Wollgras. Die Pommerschen Schafe tragen nicht das klassische Weiß, das man vielleicht von Schafen erwartet, sondern verschiedene Grautöne.
Und vielleicht werde ich mit der Zeit tatsächlich ein bisschen norddeutsch.
In der Presse
Fernsehbericht bei buten un binnen
1. Juni 2026
Von der regionalen Schafwolle bis zum fertigen Kleidungsstück: Der Beitrag begleitet die besonderen Wege, die hinter meinen Stoffen und meiner Arbeit stehen.
Artikel im Weser-Kurier
17. März 2026
Der Weser-Kurier begleitet mich auf dem Weg von der regionalen Schafwolle zum fertigen Kleidungsstück. Der Bericht erzählt von den Schafen, den besonderen Eigenschaften ihrer Wolle und davon, wie daraus eigene Stoffe und individuell gefertigte Kleidung entstehen.
"Für einen empfindsamen und phantasiebegabten Menschen, der, wie ich lange Zeit, unaufhörlich empfindet und sich etwas vorstellt, sind die Welt und die Dinge gewissermaßen doppelt. Er sieht einen Turm, eine Landschaft, hört den Klang einer Glocke und sieht zugleich in seiner Vorstellung einen anderen Turm, eine andere Landschaft, hört einen anderen Klang. Gerade in dieser zweiten Welt liegt alles Schöne und Angenehme der Dinge. Traurig ist ein Leben, das nur sieht, hört und empfindet, was die Sinne unmittelbar wahrnehmen."
Giacomo Leopardi in Zibaldone di pensieri, 30. November 1828